Gibt es denn überhaupt noch Schaf-Hirten in der Schweiz? Und vor allem, gibt es sie im Schweizer Unterland?
Schafherden in den Schweizer Alpen und Bergen kann man sich gut vorstellen. Schliesslich gibt es hierzu auch immer wieder Berichte, über den vermeintlich „bösen“ Wolf, der sich zu nahe an die Schafe wagt. Dort braucht es Hirten und Hirtenhunde. Mit ihnen sind die Alp- und Berg-Schafherden gut geschützt. So müsste sich niemand von unserem eigentlich einheimischem Tier, dem Wolf fürchten.
Ich bin abgeschweift;
ich möchte hier von einem Schweizer-Unterländer Schafhirten erzählen.
Es gibt ihn wirklich, der Schafhirt im Unterland. Wir sehen ihn regelmässig, in jedem neu beginnenden Jahr, in unserer Gegend, am Nordfuss der Lägern.
Die erste persönliche Begegnung war eher zufällig.
Die Kinder waren mit Molli, unserem Shettlandpony, am spazieren und waren so nah, dass er sie angesprochen hat.
Sie waren sehr fasziniert, sodass wir ihn tags darauf wieder besuchen gingen.
Wir wollen ihm ein Sandwich bringen und einen warmen Kaffee!
Wir mussten ihn bereits suchen, er wandert immer etwas weiter. Aber eine Schafherde mit 300 Schafen kann man nicht übersehen.
Der Hirt kommt ursprünglich aus dem Berner Jura. Ein Schafzüchter aus Schneisingen vertraute ihm seine hauptsächlich eigenen Schafe, sowie noch zwei kleinere Herden von anderen Besitzern an.
Die Schafe können von Mitte November bis Mitte März die von den Kühen nicht mehr benutzten Wiesen und Weiden abgrasen.
Unser Hirt ist jeden Winter für vier Monate unterwegs. Ob die Sonne scheint, ob es regnet, stürmt oder schneit!
Von morgens bis abends.
Er hat Luxus, erzählt er uns. Er geht jeden Abend zum Schafbesitzer nach Hause, kann dort warm essen, noch etwas fachsimpeln und ein Bier trinken. Und dann auch gleich dort an der Wärme übernachten.
Jeden morgen gegen acht Uhr geht er wieder zu ’seiner‘ Herde. Über Nacht wird die Herde eingezäunt, damit sie nicht alleine irgend wohin weiterzieht.
Selma, seine Eselstute trägt tagsüber den Elektrozaun mit.
Selma ist dem Hirt schon als Fohlen aufgefallen. Obwohl sie zuerst nicht verkauft werden sollte, konnte sie der Hirt doch noch als Jungtier erwerben. Inzwischen verstehen sie sich schon mit wenigen Worten und Gesten.
Zwei Border Collies sind ebenfalls des Hirten ständige Begleiter und Aufpasser. Ein Pfiff, ein bis zwei Worte, und jeder Hund weiss genau, was er zu tun hat. Sie halten die Herde zusammen, sie führen die Herde, sie sind der unsichtbare Zaun.
Es ist faszinierend, diesem eingespieltem, ruhigem Team zuzusehen.
Letzthin musste er zwei Schafe nach Hause bringen. Sie haben nicht mehr gefressen, da könnten sie krank sein. Das heutige Gras ist einfach viel zu zuckerhaltig. Das vertragen Schafe nicht.
Es sind an die 300 Schafe, zwei fressen nicht. Wie gut muss ein Hirt seine Tiere kennen und beobachten!
Glocken an den Schafen mag er gar nicht. „Das stört doch die Ruhe! Wenn das nötig wäre, dann würden die Lämmer doch schon mit Glocken geboren. Und gefährlich sei es obendrein auch noch.
Ein neu geborenes Lamm, sollte die Stimme, den Geruch und die Bewegungen seiner Mutter kennen lernen. Nicht der Ton der Glocke. Geht die Glocke verloren, dann finden die Lämmer ihre Mutter nicht mehr! Zum Glück kennt die Mutter ihre Kinder.“
Spannend und interessant, was uns der Hirt über seine Arbeit alles erzählt.
Wir haben ihn noch ein weiteres Mal besucht. Die Kinder wollten ihm etwas backen und auf den warmen Kaffee freute er sich auch.
In seiner Heimat kennen ihn schon viele. Da kommen oft Landwirtinnen und bringen ihm warme Mittagessen. Das schätzt er immer sehr. Auch mal mit Passanten Gespräche führen, ist immer wieder interessant.
Wenn in seiner Heimat irgendwo Schafe ‚wild‘ umher streunen, dann ruft die Polizei ihm an, denn er kennt dort alle Schafe und deren Besitzer.
Hier in Ehrendingen ist ihm einmal einer seiner Hunde abgehauen, naja, manchmal wollen sie einem feinem Geruch nach. Für solche Fälle hat er bei beiden Hunden seine Telefonnummer am Halsband notiert. So sind sie schnell wieder bei ihm.
Was macht er dann ab Mitte März? Wenn die Winter-Schafzug-Zeit vorbei ist?
„Ich weiss nicht, eigentlich jedesmal schade. Vielleicht kaufe ich mir einen Planwagen und ein Pferd und ziehe so durchs Land.“
Ob Hirt im Winter, Reisender im Sommer; tagtäglich bei Wind und Wetter, Kälte und Hitze draussen!
Jeder hat seinen Traum!
draumur.blog.
Takk fyrir! Vielen Dank! Fürs lesen.
Bless bless! Tschüss, tschüss! Bis zum nächsten Mal!
Wir werden ihn noch einmal besuchen. Mit Kaffee und etwas Warmes. Schliesslich will ich ihm auch diesen Artikel zeigen, den ich freundlicherweise mit Fotos und vielen Informationen von ihm machen durfte.
Nachtrag, 7. März 2018
Wir haben ihn gesucht, in den Nachbarsgemeinden und in Schneisingen, wo die meisten seiner Schafe herkommen. Aber leider ohne Erfolg.
Vielleicht hat er wegen der lang anhaltender Eiseskälte – zwei Wochen lang zwischen -5 und -15°C – die Schafe schon früher zurückgebracht. Die Wiesen sind in dieser Zeit braun geworden, das Gras gefroren und verwelkt.
Vielleicht kommt er nächstes Jahr wieder, an den Nordfuss der Lägern.
Vielleicht sehen wir ihn irgendwann mit Ross und Wagen.
Vielleicht, …
Ein toller Artikel, superschöne Fotos. Eigentlich müsste man den Schafhirten einmal eine ganze Woche begleiten. Danke für den schönen Beitrag.
Vielen dank.
Ja, das wäre sicher sehr eindrücklich und interessant.
Mega cool, ich weiss no! :);)